IRISCHE ELFEN

Einleitung

Elfen, Feen und andere Geister haben im Leben der Iren stets eine wichtige Rolle gespielt. In der irischen Landschaft finden sich die unterschiedlichsten Arten. Früher waren sie so gefürchtet, dass es untersagt war, das Wort ‚Elf’ auch nur in den Mund zu nehmen, und man behalf sich mit anderen, schmeichelhafteren Bezeichnungen wie „die Sippschaft“ oder „ das gute Völkchen“.

 

Wer sind die Elfen, und warum sind sie so gefürchtet?

Dem Book of Armagh zufolge sind es die alten Götter der Erde, uralte Wesenheiten, die im heidnischen Irland einst weithin verehrt wurden. Sie sind fast ganz dem Vergessen anheimgefallen, doch können sie sich, wenn ihnen der Sinn danach steht, durchaus auch heute noch bemerkbar machen.

 

Andere Quellen behaupten, es handele sich um gefallene Engel, die sich während der groflen Empörung im Himmel neutral verhielten und ihrer Unentschiedenheit wegen vertrieben wurden. Freilich wurden sie nicht gemeinsam mit Luzifer und seiner Gefolgschaft der Hölle überantwortet, waren sie doch weder gut genug, um erlöst, noch böse genug, um verdammt zu werden. Dieser Auffassung zufolge legte der heilige Michael (der Schutzpatron aller Geister) Fürsprache für sie ein, und es wurden ihnen die düsteren und entlegenen Orte der Erde zur Behausung angewiesen, fernab aller menschlichen Wohnstatt. Einigen wurden die Tiefen der Ozeane zugeteilt, und diese wurden zum Meervolk. Andere wurden in die Ländereien unter der Erde verbannt und entwickelten sich zu Kobolden und Trollen. Dritte bekamen die Luft angewiesen, sie wurden Sheerie (Luftgeister). Wieder anderen wurden die unwirtlichsten und unfruchtbarsten Landstriche übertragen, und aus ihnen wurden Leprechauns und Grogochs.

 

Eine weitere Theorie jedoch behauptet, dass es sich um die letzten überlebenden eines prähistorischen Volkes, der Tuatha de Danaan, handelt, die aus dem alten Griechenland nach Irland eingewandert waren. Sie brachten Fertigkeiten und Zauberkräfte mit, mit denen sie ihrem Zeitalter weit voraus waren. Zunächst wurden sie wie Götter behandelt, doch mit dem Vordringen des Christentums in Irland zogen sie sich allmählich in Höhlen, einsame Täler und in die Mulden zurück, die die irische Landschaft ausmachen. Nur gelegentlich trauen sie sich daraus hervor.

 

Elfen können arglistige und launische Geschöpfe sein, leicht gekränkt und schnell verärgert. Oft sind sie tückisch und eifersüchtig auf die Menschheit, die, anders als sie, ein besonderes Verhältnis zu Gott genießt. Aber sie können auch gutherzig und frohgelaunt sein, und viele Berichte bekräftigen die Schönheit ihrer Musik und ihre Vorliebe für Kurzweil und Festlichkeiten.

 

 

Der Grogoch

Ein anderer Name ist „Pecht", eine Verballhornung von „Picti“ (die Bemalten), ein vorkeltisches Volk, das früher Teile Schottlands bewohnte. Inzwischen wird allgemein akzeptiert, dass die Grogochs, ursprünglich halb Mensch, halb Elf, Ureinwohner aus dem schottischen Kintyre sind, die sich in Irland angesiedelt hatten. Grogochs finden sich auch auf der Isle of Man, wo sie „Phynnodderee“ heißen.

Seiner Erscheinung nach ähnelt der Grogoch einem ältlichen Mann; es gibt keine Berichte über weibliche Grogochs. Er hat den Körperwuchs eines kleinen Kindes und ist vollkommen nackt, doch ist sein leib mit rauem rötlichen Har und Fell bedeckt. Dieser Pelz ist dicht und Struppig, verfilzt und verfitzt mit Zweigen und Dreck, die der Grogoch auf seinen Wanderungen aufgelesen hat: Grogochs sind nicht eben auf Reinlichkeit bedacht.

Er ist von überaus gutherzigem Wesen, anders als gewisse andere Elfen, mit denen er Ähnlichkeit hat. er ist herzlich und nicht zu Streichen aufgelegt. Obwohl äußerst emsig, ist er doch arm wie eine Kirchenmaus.

Von allen irischen Elfen ist er den Menschen vielleicht am wohlgesinntesten. Manchmal schließt er sich sogar an gewise Personen an und hilft ihnen beim Pflanzen, bei der Ernte oder im Haushalt. In dieser Hinsicht kann er sogar so hilfreich werden, dass er einem zur Last fällt. Vor allem aber ist der Grogoch ein unermüdliches Arbeitstier und duldet bei Menschen keine Faulheit. Leute, die am Sonntagmorgen ausschlafen wollen, weckt er, indem er auf ihrem Bett herumtollt und ihnen Maulschellen verpasst. Ebenso werden Arbeiter, die auf den Heuwiesen Rast machen, vom Grogoch gepufft und geknufft, bis sie ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Das Haus des Grogochs spiegelt seine Robustheit wieder. Gewöhnlich handelt es sich um eine Höhle, eine Mulde oder einen Spalt in der Landschaft. In vielen Gegenden Nordirlands gibt es „lehnende Steine“ – zwei Menhire, die aneinander lehnen und die Bezeichnung „Grogoch-Häuser“ tragen.

 

 

Der graue Mann

Kein anderes Wesen in der Welt der irischen Geister ist geheimnis- oder unheilvoller als der graue Mann.

Die Ursprünge es grauen Mannes sind ungewiss, doch ist er unter einer Vielzahl von Namen bekannt. In den westlicheren Gegenden Irlans, in Galway, Sligo und Kerry, kennt man ihn unter dem anglisierten Namen „Old Boneless“.

er zeigt sich oft als dichter, klammer Nebel, der Land und Meer mit einem feuchten Schleier überzieht. Und wiewohl er vor allem Küstenstriche bewohnt, findet man ihn auch auf Anhöhen und in tiefen morastigen Mulden.

Vermutlich ist der graue Mann die Geistergestalt eines alten keltischen Wetter- oder Sturmgottes namens An fir lea, der um 1500 v. Chr. von Küstenstämmen verehrt wurde.

Als Nebelgeschöpf lebt der graue Mann von dem Rauch, der aus den Schornsteinen der Häuser aufsteigt. Aus diesem Grunde ist er einer der wenigen Geister, die sich bis in die großen Städte vorwagen, wo er ebenso lästig werden kann wie auf dem Lande oder unter den verstreuten Gemeinden entlang der Meeresküste. Man weiß es, wenn er umgeht, denn sein Unhang, in dem sich ein Geruch nach verbranntem Holz und Torf verfängt, riecht unangenehm muffig, und er hinterlässt eine feuchtkalte Luft.

Der graue Mann freut sich an dem Verlust von Menschenleben und kann seinen dunstigen Umhang todbringend verwenden. So verdeckt er zum Beispiel vor der Küste Felsenriffe, so dass die vorbeikommenden Schiffe auf sie auffahren, oder hüllt eine Straße in Nebel ein, bis ein Wanderer sich verläuft oder über eine gefährliche Klippe in sein Verderben stürzt.

Doch auch wer zu Hause bleibt, ist vor den Machenschaften des Grauen Mannes nicht sicher. Seine Berührung lässt unabgedeckte Milch sauer werden, vernichtet die für den Winter gespeicherten Kartoffeln mit Brand und macht die aufgeschichteten Torfsoden feucht, so dass sie nicht mehr brennen, wenn man sie anzünden will.

In einigen Gegenden Irlands, glauben die Menschen, dass er Epidemien und Krankheiten verbreitet, die er angeblich in den Falten seines Umhangs mitführt. Ihm werden Erkältungen, Halsweh und Grippe nachgesagt.

 

 

 

Die Sheerie

In einigen Grafschaften Irlands hält man sie für unfehlbare Vorboten böser Omen, ihre bloße Gegenwart verkündet jedem, der sie sieht, Unglück oder gar den Tod. Sie vergnügen sich damit, Menschen, die sich nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus wagen, mit Hexerei vom rechten Weg abzubringen, so dass sie ziellos in der Landschaft umherirren, bis die Sheerie belieben, den Zauberbann zu lösen.

Die Sheerie ist eine der ungewöhnlichsten und potentiell die gefährlichste unter den irischen Elfen. Sheerie sind seltsame phosphoreszierende (leuchtende) Geschöpfe, die Elemente menschlicher und elfischer Natur miteinander verbinden. Den meisten Berichten zufolge sind sie wenig mehr als schwebende Lichterscheinungen, die man in der Dämmerung beobachten kann und die sich von Deckung zu Deckung bewegen.

Sie sollen die Seelen ungetaufter (wahrscheinlich bei der Geburt verstorbener) Kinder sein, die versuchen, in die Welt der Sterblichen zurückzugelangen. Nun sind sie allerdings mit düsterem Elfenzauber erfüllt und den Menschen feindlich gesinnt. In der Tat hat es den Anschein, als bestehe ihr einziger Daseinszweck darin, den Lebenden, auf die sie überaus eifersüchtig sind, Unglück zu bringen und sich an jeder Katastrophe zu freuen, die der Menschheit widerfährt.

Die Sheerie werden in zwei Kategorien unterteilt: die Wasser-Sheerie, die Sumpf- und Küstengegenden bevölkern, und die Land-Sheerie, die in der Nähe herrenloser und verfallener Gebäude, etwa Bauernhöfe oder Mühlen, lauern.

Keine dieser Sheerie-Arten ist mit Sprache begabt, obwohl sie schrille, spitze Schreie ausstoßen können, die dem Geräusch des Blutes ähneln, das im Ohr rauscht. Ein Mensch, der diesen fortgesetzt hört, kann darüber den Verstand verlieren.

In Berichten über beide Unterarten von Sheerie werden sie als winzige, elfengroße Wesen mit den Gesichtern kleiner Kinder beschrieben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Puck

In Irland wird kein Elf mehr gefürchtet als der Puck. Vielleicht liegt das daran, dass er stets nach Einbruch der Dunkelheit auf den Beinen ist. Leid zufügt, Schaden anrichtet und die unterschiedlichsten Erscheinungsformen annimmt.

Am häufigsten jedoch erscheint er in Gestalt eines schwarz glänzenden Pferdes mit schwefelgelben Augen und einer langen, wilden Mähne. In dieser Aufmachung streift er des Nachts in weiten Landstrichen umher, reißt Zäune und Gatter ein, scheucht das erschrockene Vieh auf, zertrampelt Getreide und fügt entlegenen Bauernhöfen Schaden zu.

Der Puck hat die Gabe menschlicher Sprache, und bekanntermaßen bleibt er vor bestimmten Häusern stehen und ruft die Namen derjenigen, die er auf seinem Mitternachtsritt mitnehmen möchte. Weigert sich der Betreffende, so verwüstet der Puck sein Eigentum, denn er ist ein äußerst rachsüchtiger Elf.

Die Ursprünge des Puck liegen im Dunkeln. Der Name kommt vom skandinavischen Pook oder Puke mit der Bedeutung „Naturgeist“. Derartige Wesen waren sehr launisch und mussten ständig besänftigt werden, sonst richteten sie in der Landschaft Verheerung an, vernichteten die Ernte und rufen beim Vieh Krankheiten hervor. Andererseits könnte in der gesamten frühkeltischen Welt verbreitete Pferdekult das Motiv beigesteuert haben, das dem alptraumartigenRoß zugrunde liegt.

In einigen Landsctrichen ist der Puck, vorausgesetzt, man behandelt ihn mit angemessenen Respekt, weniger gefährlich denn geheimnisvoll. Gelegentlich ist er sogar hilfsbereit und lässt, wo nötig, Weissagungen und Warnungen ergehen.

 

 

Merrows

In den meisten Gegenden der Welt haben Meerweiber den Oberleib einer Frau und den Unterleib eines Fisches. In Irland dagegen besteht der einzige körperliche Unterschied zwischen Meerweibern und Menschenfrauen darin, dass die Füße der Meerweiber flacher sind als die einer Sterblichen und dass ihre Hände zwischen den Fingern dünne Schwimmhäute aufweisen. Die Merrows sind wahrhaft schön und in ihren Beziehungen mit Sterblichen recht freizügig.

Natürlich haben Merrows eine besondere Neigung zum Wasser, die von Menschen nicht geteilt wird. Die irischenMerrows sind die elfischen Bewohner von Tlr fo Thóinn

(„Land unter den Wellen“), einem riesigen unterseeischen Kontinent. Selbstverständlich haben sie eine amphibische Natur und können auch längere Zeit auf dem Land leben.

Viele Küstenbewohner haben Merrows zu Geliebten gehabt, und eine Anzahl berühmter irischen Familien behaupten, aus solchen Verbindungen hervorgegangen zu sein.

Merrows haben besondere Kleidung, die sie befähigt, sich von den Meeresströmungen treiben zu lassen. Sie tragen eine kleine rote Mütze und/oder Umhänge. Um an Land steigen zu können, muß die Meerfrau ihre Mütze und ihren Umhang ablegen. Daher gewinnt jeder Sterbliche, der auf ihre Kleidung stößt, Macht über sie, kann sie doch nicht ins Meer zurück, ohne ihre Sachen wiederzuerlangen.

Einige sogenannte merrows sind gar keine meergeister, sondern menschlichen Ursprungs. Gewöhnlich handelt es sich um Kinder, die in ein Schiffsunglück verwickelt waren, vom Meervolk verschleppt un in dem „Land unter den Wellen“ aufgezogen wurden. Sie neigen dazu, ihre menschliche herkunft zu vergessen, und leben glücklich unter den Meergeistern. Sobald sie jedoch Land betreten, kommen ihnen menschliche Erinnerungen, und sie können nicht mehr ins Wasserzurückkehren.

Merrows hegen eine natürliche Abneigung gegen Menschen. Sie heiraten Menschen nur, damit ihre Kinder kraft menschlichen Blutes in ihren Adern eine Chance haben, in den Himmel zu kommen.

In einigen Teilen Irlands werden die Merrows als Vorboten von Untergang und Tod angesehen, und es gilt als besonderes Unglück, eine zu Gesicht zu bekommen. Beispielsweise kehren die Fischer wieder in den Hafen zurück, wenn sie eine Meerjungfrau auf einem Felsen sitzen sehen. Trotz ihres Wohlstands und ihrer Schönheit sollte man sich vor dieser Wasserjungfrau ganz besonders hüten.

 

 


 

Die Banshee

Die Volkskundler streiten sich, ob die Banshee eine Fee, ein Gespenst oder eine Sterbliche ist. Ihr irischer Name bean-sidhe („Feenweib“) deutet darauf hin, dass sie dem Feenreich angehört; jedoch sehen einige sie als rachgierigen Geist an, der eine Familie, welche ihm ein Leid zugefügt hat, verfolgt und Vergnügen am Tod ihrer Mitglieder findet. Andere beschreiben sie als Geist einer Ahnin, die Gott dazu berufen hat, Mitglieder bestimmter alteingesessener irischer Familien vor der Stunde ihres Todes zu warnen. Welchen Ursprungs auch immer, die Banshee zeigt sich hauptsächlich in dreierlei Gestalt: als junge Frau, als stattliche Matrone oder als geschminkte alte Vettel. Diese repräsentieren die drei Aspekte der keltischen Göttin des Krieges und des Todes, Badhbh, Macha und Mor-Rioghain. Gewöhnlich trägt sie entweder einen grauen Kapuzenmantel oder aber das Leichentuch oder Totenlaken einer in Sünde Gestorbenen. Gelegentlich erscheint sie auch als Wäscherin, die die blutbefleckten Kleider derer wäscht, deren Tod kurz bevorsteht. In dieser Verkleidung heißt sie bean-nighe(„Waschweib“).

Darüber hinaus wurde sie verschiedentlich in andere Gestalt gesichtet: als Nebelkrähe, Hase, Hermelin und Wiesel. In Irland werden alle diese Tiere mit Hexerei in Verbindung gebracht, sie geben der Banshee das Ansehen böser Zauberkunst. Doch am meisten ist sie dafür bekannt, dass sie mit ihrer Wehklage den Tod ankündigt. Obwohl man sie nicht immer sieht, vernimmt man doch ihren Klageruf, meist in der Nacht, in der jemand stirbt.

Anders als bei anderen feen scheint Wasser kein Hindernis für sie darzustellen, denn sie beweint ihre Schützlinge, wo immer in der Welt sie sich aufhalten mögen. Berichten zu folge hört man den Schrei der Banshee in Kanada wie in Australien, beinahe überall, wo sich irische Ausgewanderte in großer Zahl niedergelassen haben.

Wer versucht, die Banshee zu fange, steht vor einer schwierigen Aufgabe, da sie sich sehr geschwind fortbewegt. Sie soll flinker dahingleiten, als Menschenfüße gehen können, wie eine Elster hüpfen, und selbst ein pferd im gestreckten Galopp vermag sie nicht einzuholen.

Es gibt mehrere Beschreibungen der Banshee. Meist sieht man sie als ein Gesicht am Fenster oder erhascht aus der Ferne einen Blick auf sie. In einigen Fällen wäscht oder kämmt sie sich die Haare oder bearbeitet Kleider mit dem Klopfholz. Unter keinen Umständen sollte man sich ihr nähern, denn diejenigen, die es tun, befällt großes Unglück, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.

 

 

Der Leprechaun

Obwohl der Leprechaun als Irlands „Nationalkobold“ bezeichnet worden ist, wurde der Name ursprünglich nur in einem bestimmten Gebiet Irlands verwendet.

Leprechauns treten in Gestalt winziger greisenhafter Männlein auf, die gewöhnlich die Tätigkeit eines Feenschusters verrichten. Möglicherweise leitet sich der Name Leprechaun von leith bhrogan, der irischen Bezeichnung für Schuhmacher,ab, obwohl als Ursprung auch luacharma’n (das irische Wort für „Pygmäe“) vorgeschlagen worden ist.

Leprechauns werden als kleine, unreinliche Männlein beschrieben, bekleidet mit grünen Jacken, roten Kniebundhosen, Wollstrümpfen und breitrandigen Hüten, die ihnen schief im Gesicht sitzen. Sie rauchen beständig übelrichende Pfeifen, und neigen dazu, mürrischer und verdrießlicher Stimmung zu sein. So überrascht es nicht, dass der Leprechaun ein alleinlebendes Geschöpf ist und Wasserläufe bewohnt oder hinter Büschen und Hecken lauert. Sein einziges Lebenszeichen sind die Geräusche, die er bei der Arbeit macht, etwa wenn er auf den Schuh klopft, den er gerade anfertigt. Häufig befinden sie sich in berauschtem Zustand, hervorgerufen von dem Poteen (Whiskey), den sie selber brennen. Allerdings werden sie nie so betrunken, dass ihre Arbeit beeinträchtigt wird oder die Hand zittert, mit der sie den Hammert führen. Wenn sie zuviel trinken, werden sie eher noch grämlicher und streitsüchtiger. Weibliche Leprechauns scheint es nicht zu geben, Man weiß also auch nicht, wie sie sich vermehren. Die Leprechauns selbst tun sehr geheimnisvoll, was ihre Herkunft angeht, doch glaubt man, dass sie die Nachkommen von Sterblichen und von elfen sind, die aus ihrer jeweiligen Welt verstoßen worden sind.

Leprechauns führen zwei Lederbeutel bei sich. In einem befindet sich ein silbernes Geldstück, eine Zaubermünze, die jedes Mal, wenn das Männlein mit ihr gezahlt hat, wieder in den Beutel zurückkehrt, so dass der Leprechaun Geld auszugeben scheint, ohne je welches einzubüßen. In der anderen trägt er eine Goldmünze, die er dazu benutzt, sich aus schwierigen Lagen herauszuwinden. Wenn sich der Leprechaun von ihr getrennt hat, verwandelt sich diese Münze meist in Laub oder Asche.

Dem lässt sich entnehmen, dass der Leprechaun zu Streichen aufgelegt ist.

Das muß er auch, denn zusätzlich zu seinem Schusterhandwerk ist er der Bankier der Gnomenwelt. Leprechauns wissen, wo sich große alte Geldverstecke befinden und haben sich zu Wächtern dieses Reichtums aufgeschwungen. Andere Elfen müssen sich zum Leprechaun begeben, wenn sie Gold für ihre Festlichkeiten oder Feengeschenke benötigen. Leprechauns haben einen Großteil der alten Schätze an sich gerissen und in Töpfen vergraben, die die Wikinger zurückließen. Der Leprechaun hat ein phänomenales Gedächnis, kennt den genauen Standort jedes Topfes und weiß ihn leicht wiederzufinden, wenn er will. Freilich sind die meisten Leprechauns Geizkragen, die sich nur ungern von ihrem Geld trennen.

Leprechauns neigen dazu, den Kontakt mit Menschenzu vermeiden, weil sie sie als närrische, flatterhafte Geschöpfe betrachten und befürchten, sie könnten ihre Schätze stehlen.

Obwohl sie nicht so aussehen, sind sie sehr flink und bewegen sich schneller, als das menschliche Auge hinzuschauen vermag. Wenn ein Sterblicher in trotzdem fängt, verspricht er ihm für den Fall seiner Freilassung großen Wohlstand.

 

 

Der Dullahan

Der Dullahan ist eines der imposantesten Geschöpfe im Reich der irischen Elfen und Geister. An bestimmten irischen Fest- und Feiertagen kann man um Mitternacht diesem schwarzgewandten Wilden Reiter begegnen, wie er auf einem schnaubenden Rappen durch die Gegend jagt.

Dullahans sind Kopflose. Wenn sie auch keinen Kopf auf den Schultern haben, so tragen sie ihn doch bei sich, entweder auf dem Sattel ihres Pferdes oder in der erhobenen rechten Hand. Der Kopf hat die Farbe und Beschaffenheit alten Brotteigs oder schimmeligen Käses und ist ziemlich glatt. Ein grässliches idiotisches Grinsen zieht sich über das ganze Gesicht, und die kleinen, schwarzen Augen huschen umher wie bösartige Schmeißfliegen. Der Dullahan benutzt den Kopf als Laterne, mit der es sich auf den dunkelen Wegen durch die irische Landschaft leuchtet. Wo immer der Dullahan hält, stirbt ein Mensch.

Gewöhmlich reitet der Dullahan auf einem schwarzen Roß, das durch die Nacht galoppiert. Das Pferd sprüht Funken und Flammen aus seinen Nüstern. Manchmal lenkt der Dullahan auch eine schwarze Kutsche. Diese wird von sechs Rappen gezogen und braust so schnell dahin, dass die von der Geschwindigkeit hervorgerufene Reibung oft die Büsche entlang der Strasse in Brand steckt.Alle Tore und, ganz gleich, wie sicher sie verriegelt waren, fliegen auf, um Reiter und Kutsche durchzulassen, so dass vor den Nachstellungen dieses Spukgeistes niemand wirklich sicher ist.

Anders als die Banshee stellt der Dullahan nicht bestimmten Familien nach, und sein Ruf ist nicht als Todeswarnung gedacht, vielmehr ruft er die Seele eines sterbenden Menschen zu sich. Er ist der Sendebote des Todes. Jedoch kann ihn ein goldenes Schmuckstück erschrecken, den die Dullahans haben eine irrationale Angst vor diesem Edelmetall.

Der Wechselbalg

Anscheinend ist die Geburt eines Kindes für Elfen in Irland eine schwierige Angelegenheit. Viele Elfenkinder sterben vor der Geburt, und die, die überleben, sind oft verkrüppelte oder missgebildete Geschöpfe. Die erwachsenen Elfen, ästhetisch empfindsame Wesen, fühlen sich von diesen Neugeborenen abgestoßen und haben nicht den Wunsch, sie zu behalten. Sie versuchen, sie mit gesunden Babys zu vertauschen, die sie aus der Welt der Sterblichen entwenden. Das verrunzelte, übellaunige Geschöpf, das sie an Stelle des Menschenkindes unterschieben, ist gemeinhin unter dem Namen Wechselbalg oder Wechseling bekannt und besitzt die Macht, in einem Haushalt Böses zu bewirken. Jedes ungetaufte oder allzu sehr bewunderte Kind läuft besonders große Gefahr, ausgewechselt zu werden. Zur Abwehr eines Wechselbalges platziert man um die Kinderwiege eine Reihe von Zaubermitteln, wie zum Beispiel ein geweihtes Kreuz, eine eiserne Feuerzange oder ein väterliches Kleidungsstück.

Was den Wechselbalg am meisten auszeichnet, ist sein Temperament. Kleinkinder sind im allgemeinen vergnügt und frohgestimmt, doch der elfische Ersatz ist nie zu frieden, außer wenn im Haushalt ein Unglück geschieht. Meist plärrt und kreischt er von früh bis spät, und oft geht sein häufiges Gebrüll über das hinaus, was Menschenohren ertragen können.

Ein Wechselbalg kann drei Kategorien angehören: die eigentlichen Elfenkinder, Elfengreise, die als Kinder verkleidet sind, sowie unbelebte Gegenstände wie Holzstücke, die durch Zauberkraft das Aussehen eines Kindes annehmen. Letztere werden Stock genannt.

Wechselbälge haben runzelige und verhutzelte Gesichtszüge in Verbindung mit einer gelben, pergamentenen Haut. Außerdem besitzen diese Wesen sehr dunkle Augen, die von einer Weisheit zeugen, die älter ist als seine (vermeintlichen) Jahre. Wechselbälge haben auch noch andere Eigenschaften, meist körperliche Missbildungen, unter denen ein Buckel oder eine lahme Hand am häufigsten sind. Ungefähr zwei Wochen nach ihrem Eintreffen in dem menschlichen Haushalt weisen sie ein volles Gebiss auf, Beine dünn wie Hühnerknochen und Hände, die wie Vogelkrallen gebogen und gekrümmt sowie mit hellem, feinem Flaum überzogen sind.

Einer Familie, in der es einen Wechselbalg gibt, wird kein Glück zuteil, da das Geschöpf alles Glück, das dem Haushalt normalerweise zukommt, abzieht. Die mit ihm gestraft sind, sind meistens sehr arm und mühen sich verzweifelt ab, das gefräßige Ungeheuer in ihrer Mitte durchzufüttern.

Ein positives Merkmal, das dieser Elf oft zur Schau stellt, ist seine musikalische Begabung. Wenn der Wechselbalg größer wird, fängt er an, ein Instrument zu lernen, häufig die Fiedel oder den Dudelsack, und spielt mit einer solchen Fingerfertigkeit, dass alle, die ihn hören, wie verzaubert sind.

Wechselbälge haben einen gewaltigen Appetit und verdrücken alles, was ihnen vorgesetzt wird. Doch soviel er auch verschlingen mag, der Wechselbalg bleibt so mager wie eh und je.

Wechselbälge überleben in der Welt der Sterblichen nicht lange, und sterben in den ersten zwei oder drei Jahren ihrer menschlichen Existenz.

Die harmloloseste Methode der Vertreibung besteht darin, den Elf dazu zu bewegen, sein wahres Alter preiszugeben, eine weitere Methode darin, dem mutmaßlichen Wechselbalg einen aus Fingerhut gebrauten Tee einzuflößen. Dies zwingt ihn, ins Elfenreich zurückzufliehen. Hitze und Feuer sind dem Wechselbalg ein Greuel, und er sucht schleunigst das Weite.